Zutrauen – oder wie entwickeln sich Menschen?

Dieser Blogartikel basiert auf einem Thema, welches mir im privaten wie auch im beruflichen Umfeld vermehrt begegnet. Und dieses Thema ist einer der Grundpfeiler in meiner Coaching-Arbeit: Den Menschen Fähigkeiten, (Problem-) Lösungskompetenzen und Widerstandkraft zumuten.

Helikopter-Eltern, GPS-Sender in Schultaschen, SUV-Kolonnen vor dem Kindergarten bei regnerischem Wetter. Die Liste liesse sich unendlich fortsetzen. Auch auf der Erwachsenenebene zeigen sich ähnliche Phänomene, die genauso einschneidend sind. Gerade in helfenden Berufen ist die unverhältnismässige Übernahme von Verantwortung ein grosses Thema. Den Klienten werden bspw. vermeintlich schwierige Telefonate „abgenommen“ mit dem Ziel, sich vorbildlich für sie einzusetzen, um sie zu entlasten. Doch weit gefehlt: Wie können sich Menschen weiterentwickeln und neues Lernen, wenn (aus wohlwollender Haltung heraus) das Umfeld ständig Lernfelder aus dem Weg räumt. Kinder und später auch Erwachsene benötigen ein Umfeld, welches viel Freiraum zum Experimentieren offen lässt. In der täglichen Begleitung von Menschen fällt mir regelmässig auf, dass sich dieses Muster der Entlastung auf die Betroffenen selbst überträgt und sie es ungefragt übernehmen. In der Fachsprache nennt man das „erlernte Hilflosigkeit“. Mitte der 60er-Jahre entwickelte Seligman dieses Konzept, um die Mechanismen der Depression zu erklären. Menschen werden nach seinem Verständnis depressiv, wenn sie der Ansicht sind, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Diese Überzeugung, gepaart mit einem überbehüteten Umfeld, führt unweigerlich in eine selbsterfüllende Prophezeiung: „Ich hab’s doch schon immer gewusst. Ich kann und bin nichts und werde mein Leben nie in den Griff bekommen.“ Jeder Funke von Selbstwirksamkeit wird im Keim erstickt.

Doch wie entwickeln sich Menschen eigentlich?

Ein möglicher Hinweis spiegelt sich im Komfortzonenmodell, welches ich in meinen Coachings häufig als Erklärung beiziehe.

 

Komfortzone: In diesem Bereich habe ich alles im Griff. 99,99% der Situationen sind vorhersehbar und ich weiss, wie ich auf die Umwelt reagiere und wie die Umwelt auf mich reagiert. Alles im grünen Bereich.

Nichts Neues = Wohlgefühl, doch leider auch:

Nichts Neues = keine Entwicklung, also Stillstand.

Veränderungszone: Weiterentwicklung findet aber ausserhalb der Komfortzone statt, sprich in der Veränderungszone! Hier ist nicht mehr alles voraussehbar und angenehm. Aber gerade weil nicht mehr alles abschätzbar ist, lerne ich unvermeidlich neue Verhaltens-, Denk- und Handlungsmuster. Dieser Erfahrungszuwachs dehnt meine Komfortzone aus und ermöglicht mir einen grösseren Handlungsspielraum und mehr Optionen. Ich lerne und entwickle mich weiter!
Panikzone: In dieser Zone geht es ums Überleben, was ein Lernen verunmöglicht. Ich habe mich zu weit von meinen Grenzen entfernt. Das vorherrschende Bedürfnis ist: So schnell wie möglich in die Komfortzone zurück.

Gerade weil der Übergang in die Veränderungszone mit Angst verbunden ist, fällt uns dieser Schritt besonders schwer. Die vermeintlich vielen Unsicherheitsfaktoren veranlassen das Gehirn, den Selbstschutz zu aktivieren und der heisst: Stopp, keinen Schritt weiter, hier liegt Gefahr in der Luft. Wenn wir dieser Meldung unreflektiert glauben, verhindern wir unsere Entwicklungsmöglichkeit und auch die der anderen.

Der erste Schritt in die Veränderung ist also das Wahrnehmen und Akzeptieren der dahinterliegenden, eigenen Angst.

Angenommen man hätte uns beim Laufen lernen ständig mit einer Seilkonstruktion vor dem Umfallen „geschützt“. Dann würden wir noch heute auf allen Vieren am Boden krabbeln.
Weil: Jedes Mal, wenn wir umgefallen sind, hat unser Gehirn bereits eine weitere Vernetzung gebildet und somit das Muster „Laufen“ erweitert, bis wir uns nach ca. 3000 Stürzen, aufrecht fortbewegen konnten.

Das ist doch eigentlich paradox!

Wir müssen umfallen, um aufrecht gehen zu lernen!? Aber genau so funktioniert Fortschritt und Entwicklung. Wenn wir es also schaffen, uns selbst wie auch anderen, Entwicklung zuzutrauen, bedeutet das im Endeffekt: Ich bewahre dich nicht vor Herausforderungen, sondern ich begleite dich in Herausforderungen.

Max Frisch bringt das in seinem Zitat hervorragend auf den Punkt:

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

 

Weiterführender Impuls zum Thema

Video-Empfehlung

Günters kleine Welt: „Das schaffst du eh nicht!“
Dr. Stefan Frädrich
https://www.youtube.com/watch?v=6aFhF5bZva4

 

PS: Wenn dir dieser Artikel gefiel, dann sag es doch bitte weiter auf Facebook oder per Mail.