Warum Gefühle nicht nur für „Sozis“ wichtig sind.

Allem vorweg: Ich bin selber einer (also än Sozi) und entlehne mir deshalb das Privileg, die Sozis in Verbindung mit Gefühlen zu bringen. Die leicht stereotypisch angehauchte Frage „Macht ihr wieder eine Spürst-du-mich-fühlst-du-mich-Runde?“ sind offenkundige Assoziationen mit dieser Berufsgruppe.

Doch was steckt eigentlich hinter dieser ganzen Gefühlsduselei und wie könnte sie uns (im besten Fall) im Alltag nützlich sein?

 

 

Allgemein betrachtet bringen Gefühle Farbe in unser Leben. Natürlich sind die Farben nicht nur harmonisch und wohltuend, sondern können auch schmerzhaft und unbequem sein. In meiner täglichen Arbeit als Sozi begegnen mir regelmässig Menschen, die ihre Psychopharmaka in eigener Regie absetzen.
Das Umfeld reagiert häufig mit…

…da die Medis (trotz der kontrovers diskutierten Anwendung) den Betroffenen einen einigermassen zu bewältigenden Alltag ermöglichen. Doch der gute Grund hinter dieser vermeintlich nicht verständlichen Handlung liegt auf den zweiten Blick klar auf der Hand: Sich selber wieder spüren zu wollen – raus aus der emotionalen Einfarbigkeit, rein in Freude, Wut, Trauer, Überraschung…und so weiter.
Gefühle scheinen demnach ein existentieller Teil unserer Persönlichkeit zu sein, ohne die das Leben grau, leer und bedeutungslos wird. Und ganz nebenbei sind sie für die menschliche Spezies überlebenswichtig.
Ohne Gefühle…

  • kein Antrieb
  • keine Motivation
  • keine Lebensziele
  • keine Nähe
  • kein Austausch mit anderen
  • kein Hinweis auf Gefahr
  • keine Kreativität
  • keine Liebe
  • keine Lust und noch 1123 weitere Einschränkungen.

Gefühle liefern uns also die nötige Energie und Motivation, um überhaupt zu handeln.

 

All diejenigen, die täglich versuchen nichts zu fühlen, verschenken also ungenutztes Veränderungspotenzial. Die anderen, die täglich in Spürst-du-mich-fühlst-du-mich-Gewässern schwimmen, geben ihre Selbststeuerung aus der Hand und lassen sich von Gefühlen beherrschen.

 

Zwei Seiten derselben Medaille: unterdrücken oder ausleben?

Hast du schon einmal beobachtet, wie ein kleines Kind hinfiel und sich dann umschaute, um festzustellen, ob es sich lohnen würde, zu weinen? Wenn Kinder sich unbeobachtet fühlen, dann lassen sie augenblicklich ihre Emotionen los, klopfen sich die Kleider ab und spielen weiter. Dasselbe Kind beginnt in einer ähnlichen Situation Herz erweichend zu weinen und flüchtet sich in die Arme von Mami oder Papi, sobald es bemerkt, dass der Sturz beobachtet wurde.
Diese natürliche Fähigkeit, Gefühle loszulassen, wurde uns schon früh abgewöhnt. Jedes Mal, wenn wir zum Stillsitzen und Stillsein oder anständig benehmen aufgefordert wurden, festigte sich das unbewusste Muster, unsere Emotionen zu unterdrücken.

Ganz nach dem Paradoxon: „Alle versuchen Kindern in den ersten zwei Lebensjahren das Laufen und Sprechen beizubringen und in den nächsten 18 Jahren wollen alle die Kinder dazu bringen, stillzusitzen und den Mund zu halten.“

(Aus Platzgründen wird hier auf die Relevanz der Grenzsetzung in der Kindererziehung verzichtet.)

 

Unterdrücken heisst also: Gefühle hinunterzuschlucken, zu leugnen, sie zu verdrängen und so zu tun, also ob sie nicht existieren würden. Die heutige Zeit der multimedialen Ablenkung begünstigt die Flucht ins emotionale Nichtbeachten stark.

 

OK, demzufolge emotionales AAAAUUUUSLEEEBEN?!

 

Das Pendel schwingt auf die andere (Medaillen-) Seite und löst offensichtliche Gefühlsregungen aus: Wenn wir wütend sind, schreien wir. Wenn wir traurig sind, weinen wir usw. Gerade in Beziehungen kann ein übermässiger emotionaler Ausdruck zu Unstimmigkeiten, Konflikten und gegenseitigem Hochschaukeln führen und somit ausser Kontrolle geraten.
Weder das Unterdrücken noch das Ausleben von Emotionen ist per se problematisch, so sind sie doch nur zwei Seiten derselben Medaille. Schwierigkeiten entstehen erst dann, wenn wir nicht mehr kontrollieren können, welche Variante wir gerade anwenden. Automatismus und fehlende Selbststeuerung halten uns dann in solchen Situationen gefangen. Die Gefühlswelle reisst uns mit – ein Ausstieg scheint situativ nicht möglich.

 

Und wie erlangen wir wieder Kontrolle und Selbstwirksamkeit?

 

Die Sedona-Methode von Hale Dwoskin schafft mit vier einfachen Fragen der Verschmelzung zwischen Ich und Gefühl Abhilfe. Hier eine kurze Anleitung, wie du in emotionalen Situationen zu mehr Selbststeuerung gelangst:
Vergegenwärtige dir eine Situation, bei der du dich gerne besser fühlen möchtest. Vielleicht denkst du an den letzten Streit mit deinen Kindern oder dem Partner? Vielleicht taucht vor deinem inneren Auge eine Auseinandersetzung mit deiner Chefin auf? Nimm einfach wahr, welche Körperempfindungen und Gefühle spürbar werden.

 

Frage 1
Kann ich dieses Gefühl in diesem Moment akzeptieren?

Diese erste Frage soll dir bewusst machen, dass wir gegen Gefühle keine Chance haben. Sie tauchen auf und der Versuch sie zu unterdrücken, abzuspalten oder zu ignorieren, verstärkt sie unweigerlich. Egal ob du nun mit JA oder NEIN antwortest, beides ist in Ordnung. Es gibt keine Vorgabe.

 

Frage 2
Könnte ich dieses Gefühl jetzt loslassen?

Auch hier spielt die inhaltliche Qualität der Antwort keine Rolle. Wichtig ist nur, dass du dich nicht in einen inneren Dialog verwickeln lässt und zu debattieren anfängst. Diese Frage zielt auf die Wahlfreiheit ab, welche uns in emotionalen Situationen häufig nicht bewusst ist. Spüre auch bei diesem Schritt deine Körperempfindungen, wie bspw. Hitze im Gesicht, starrer Nacken, Kloss im Hals usw.

 

Frage 3
Wäre ich bereit dazu, dieses Gefühl loszulassen?

Gib spontan und ohne langes Nachdenken die Antwort auf diese einfache Frage, wieder ohne inneres Debattieren oder Erklären.

 

Frage 4
Wann würde ich dieses Gefühl loslassen?

Die letzte Frage ist eine Einladung, einfach loszulassen. Denn egal was du antwortest: „Jetzt!“, „Morgen!“, „Nächste Woche!“ – du hast bereits mit dem Antworten zugestimmt, dass du loslassen möchtest und auch kannst.

Sobald du alle vier Fragen durchgegangen bist, erlebst du vielleicht schon eine kleine Veränderung deiner inneren Gefühlswelt. Wenn nicht, geh einfach nochmals die Fragen 1-4 durch, bis du eine kleine, aber wahrnehmbare Erleichterung spürst.

Der Trick der Sedona-Methode ist ganz simpel und doch so wirkungsvoll:  Die bewusste Auseinandersetzung mit deiner inneren Gefühlswelt schafft einerseits Distanz zur (Problem-) Situation und bringt dich andererseits wieder in Kontakt mit dir selbst. Es beginnt unvermeidlich die Trennung zwischen Person und Gefühl und damit erlangst du wie von selbst SELBSTSTEUERUNG.

 

Denn: Was uns bewusst ist, können wir kontrollieren. Was uns nicht bewusst ist, kontrolliert uns.

 

Denk daran:
Wenn du Veränderung willst, werde selbst wirksam. Denn du weisst nie, wie viel Zeit dir bleibt.

Und das wusste Albert Einstein schon lange vor uns.
„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

 

Weiterführender Impuls zum Thema

Buch-Empfehlung
Die Sedona-Methode – Wie Sie sich von emotionalem Ballast befreien und Ihre Wünsche verwirklichen
Hale Dwoskin

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